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Sind wirklich alle Eltern unglücklich und gestresst?

Sind wirklich alle Eltern unglücklich und gestresst?

Seit bald sechs Jahren wohne ich nun auf dem “pregnant hill” – Prenzlauer Berg in Berlin. Sobald man sich in diesem Stadtteil auf den Straßen und Fußwegen aufhält, kommen einem reihenweise Mütter mit Kinderwagen oder Babytrage entgegen. Mittlerweile zum Glück auch immer mehr Väter – aber das ist noch mal ein Thema für sich.

Auf jeden Fall habe ich diese Atmosphäre immer geliebt. Natürlich ruft oder weint auch mal ein Kind aber grundsätzlich blicke ich hauptsächlich ich in glückliche, neugierige Gesichter: Die Welt wird beobachtet, ein Brötchen geknabbert und immer wieder “da”, “wau wau” oder auch “Mama” gerufen. Ein Anblick, der mich schon seit ich denken kann gereizt hat und den ich immer wieder als Babysitterin genießen durfte. Mittlerweile bin ich selbst Mutter und das seit bald zwei Jahren.

Doch in den ganzen Jahren habe ich etwas gelernt: Es geht nicht jedem so. Nicht jeder ist positiv angetan von Babys oder Kindern, die ihm begegnen.

Vorurteile und Klischees

Vielen geht es sogar komplett anders. Sie sehen diese fröhlichen, neugierigen und knabbernden Kinder nicht. Zahlreiche Menschen hören lediglich laute Schreie oder laufen einfach ohne Interesse an jedem Kinderwagen vorbei. Sie fragen sich nicht, wie alt das kleine Baby in der Trage wohl ist und erfreuen sich weniger an dem rosigen Anblick der glatten Babyhaut.

Einige dieser Menschen wünschen sich einfach (noch) kein Kind und sind mit anderen Lebensthemen beschäftigt. Für andere bedeutet ein Kind jedoch etwas anderes: Stress, schlaflose Nächte, Augenringe und Unzuverlässigkeit. Denn “ein Kind ersetzt Hobbies, Freunde und die Partnerschaft.” “Mit Kind ist das alte Leben vorbei. Man baut ein Haus, heiratet, lässt sich nieder und ist gefangen im Alltag. So sagen es zumindest alle…” und “man sieht es ja an der Großcousine. Sie lässt sich gehen, alles dreht sich nur noch um die Kinder und ihr Mann betrügt sie doch schon seit Monaten.”

Nachdem ich schwanger wurde, hat uns nicht nur eine Person ein negatives Gefühl entgegengebracht. “Ihr werdet schon sehen…” oder “wartet erstmal ab…”

Aber so, wie von einigen prophezeit, kam es nicht. Wir schieben nun ebenfalls unseren kleinen Kinderwagen durch die Straßen und freuen uns. Unser Kind ruft momentan vor allem laut wenn es einen Bus oder einen Hund sieht und freut sich über jede Tram. Es liebt kleine Knabbereien. Es weint auch mal wenn es müde wird. Aber meistens schaut es fröhlich die Straßen herunter. Jeden Tag führt es uns erneut die vielen Details unserer Umgebung vor Augen, die wir schon ewig nicht mehr aktiv beachtet haben.

Seit wir Eltern sind, sagt kaum noch jemand, mehr wie furchtbar es mit Kindern ist. Denn sie sehen, dass wir glücklich sind. Folglich schauen die Menschen interessiert. Lächeln uns an. Freuen sich. Unbekannte strahlen und fragen, wie alt es ist. Freunde fragen, wann wir uns wieder treffen, überlegen, wann sie Kinder möchten oder werden ebenfalls Eltern. Woran das wohl liegen mag? Ich bin mir sehr sicher, dass es unter anderem daran liegt, dass wir das Klischee nicht erfüllt haben.

Natürlich sagen uns Eltern auch mal, dass sie gerade eine schwierige Phase erleben. Oder einen anstrengenden Tag hatten. Das sagen wir auch. Es gehört zum Leben dazu, egal ob mit Kindern oder ohne. Mit Kind(ern) kommen neue, unbekannte Themen hinzu und es ist mit einer großen Verantwortung verbunden. Auch wir haben – wie jedes Paar und jede Familie – Schwierigkeiten und Herausforderungen. Aber wir haben und vorher bewusst gemacht, was wir brauchen und wollen. Folglich haben wir Themen besprochen und einiges vorbereitet. Im guten Maße. Überraschungen kommen natürlich immer auf einen zu. Doch eine stabile Grundlage sorgt dafür, dass diese gemeinsam angegangen werden können. Die Grundeinstellung und Betrachtungsweisen sind essentiell.

Negative Erfahrungen beeinflussen uns stärker

Wusstet ihr, dass Dinge negativer Natur (unangenehme Gedanken, Emotionen, soziale Interaktionen), aber auch schädliche bzw. traumatische Ereignisse einen größeren Einfluss auf unseren psychischen Zustand und die Denkprozesse haben als neutrale oder positive Dinge? Und das auch dann, wenn diese in genau gleicher Intensität auftreten? Man nennt diesen Effekt “Negativitätsbias”. Es wird davon ausgegangen, dass dieses evolutionsbedingt sehr wichtig für die Erhaltung der Menschheit war, da wir uns so an schlechtes Essen oder gefährliche Erfahrungen erinnert haben und entsprechend schützen konnten (Stangl, 2020). Mit diesem Effekt bin ich unter anderem während meines Studiums in Kontakt gekommen und seither begleitet er mich regelmäßig. Heutzutage haben viele Menschen im Alltag immer wieder mit den Auswirkungen dieses Phänomens zu kämpfen. Seien es nur kleine Momente am Tag oder auch längere Zeiträume, zum Beispiel Prüfungsphasen.

Aus diesem Grund macht es Sinn, bestimmte negative Einstellungen und Gedanken regelmäßig genauer zu hinterfragen. War der Tag wirklich so furchtbar oder gab es nicht auch einige schöne Momente? Hatte ich durchweg ein schlechtes Jahr 2019? Habe ich wirklich nur negative Erzählungen von Eltern mit Kindern gehört? Und so könnte ich noch viele weitere Fragen stellen. Prüft doch direkt einmal nach, sobald euch die nächste negative Situation begegnet. Ob sie euch eventuell stärker blendet, als gedacht.

Und nun wieder zurück zur übergewichtigen, unglücklichen, betrogenen Großcousine deines Kollegen. Nachdem du mit ihm über dieses Schicksal gesprochen hast, solltest du anschließend mehrere positive Geschichten von glücklichen Paaren und Eltern hören. Diese Erzählungen müsstest du dir ganz bewusst machen, um ein neutrales und möglichst nicht-geblendetes Bild zu erhalten.

Ich habe während meiner Schwangerschaft und als Mutter eines nun bald zweijährigen Kindes gelernt, dass viele Themen rund um Schwangerschaft, Geburt und Familie sehr stark von diesem Phänomen betroffen sind. Besonders gravierend erlebte ich dieses in Bezug auf die “schmerzhafte und furchtbare” Geburt, die “durchgemachten” Nächte (die ich bisher wirklich nur von ganz wenig Eltern tatsächlich bestätigt bekommen habe) und auf das “Leben als gefühlt alleinerziehende Mutter”, da der Partner “sowieso nichts machen kann”.

Übrigens: 10 Tipps, um (werdende) Väter besser zu integrieren findest du hier.

Den Tatsachen ins Auge zu blicken kann viel bewirken

Mein Mann und ich berichten ehrlich wie es ist. Von aktuellen und überwundenen Schwierigkeiten, von Veränderungen und von all den schönen Momenten, die wir genießen. Sei es direkt zu unserem Kind, als auch zu anderen Themen in unserem Leben. Statt uns also kritisch oder mitleidig zu betrachten, danken uns die Menschen eher für unsere ehrlichen Worte und Berichte. Nicht nur einmal habe ich sogar überraschte Reaktionen erlebt, als ich von unserem aktuellen Leben sprach.

Es geht aus meiner Sicht viel mehr darum, sich vor der Entscheidung für eine Familie ein rundum echtes Bild zu machen und sich von negativen Stimmen nicht blenden zu lassen. Genauer zu hinterfragen, was tatsächlich der Auslöser für die Unzufriedenheiten sind.

Auch kann ich sehr ans Herz legen, euch damit zu beschäftigen, wie ihr das Leben mit Kind(ern) gestalten möchtet. Als Paar auf alle wichtigen Schritte zu schauen und eine echte, stabile Basis zu schaffen. So können schwierige Phasen oder Krisen besser überwunden werden und die Grundstimmung positiv bleiben.

Ihr könnt, und solltet in der Tat, als Paar für euch passend entscheiden, wie ihr euer Leben gestalten möchtet. Jede*r hat Bedürfnisse. Entsprechend wäre ein verrücktes Party-Leben vermutlich weniger zufriedenstellend für alle Beteiligten. Aber was spricht denn grundsätzlich gegen eine Party, wenn ihr Lust habt? Oder gegen eine andere Arbeitsteilung als “Mutter Zuhause und Vater bringt das Geld nach Hause” oder “Wir heiraten und ziehen ins Haus der Schwiegereltern”? Diese Themen einfach mal als Beispiele genannt…

Und nun, falls ihr euch immer noch nicht ganz sicher seid, ob alle Eltern immer unglücklich und gestresst sind: Fragt mal genauer nach. Lasst euch Positives erzählen. Und prüft auch einmal genauer, ob unglückliche Eltern wirklich wegen der Kinder unzufrieden mit ihrem Leben sind. Denn oftmals liegen hier ganz andere Themen (z.B. in der Partnerschaft) zugrunde, die bearbeitet werden sollten. Und vor allem: Sprecht miteinander. Informiert euch darüber, was glückliche Familien bzw. Paare anders machen.

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Was machen glückliche Paare anders? Zu diesem Thema kommt schon bald ein weiterer Blogartikel. Abonniere gern den 2-wöchigen Newsletter für eure Partnerschaft und bleibe auf dem Laufenden.

Verwendete Literatur:

Stangl, W. (2020). Stichwort: ‘Negativitätsbias’. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik. WWW: https://lexikon.stangl.eu/23062/negativity-bias-negativitaetsbias/ (2020-03-20) 

Posted in Beziehungstipps, Eltern, Erstes Kind, Familienleben, Familienzeit, Mutter werden, Paarberatung, Schwangerschaft, Vater werden

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