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Du sitzt um halb zehn auf dem Sofa. Die Kinder schlafen, der Geschirrspüler läuft und morgen wird wieder ein ganz normaler Tag. Gefühlt ist nichts Großes passiert, kein Streit, keine schlechte Nachricht, kein Ereignis, das du im Nachhinein benennen könntest. Doch wenn du genauer hinsiehst, steckte der Tag in Wahrheit voller kleiner Dinge, die einfach niemand sieht. Du fühlst dich leer, so leer, dass du den Fernseher anmachst, ohne bewusst hinzusehen.

Vielleicht kennst du das schon länger: Das Gefühl, dass dein Leben eigentlich anders aussehen sollte. Vielleicht nicht dramatisch anders, doch zumindest weniger am Limit und weniger voller Erschöpfung. Du wolltest dich zufriedener und erfüllter fühlen – und nicht ständig an der eigenen Grenze kratzen. Diese Gedanken und Gefühle kennen viele Frauen. Das Schlimmste daran ist für die meisten, nicht zu wissen, wo sie überhaupt ansetzen sollen, um dort wieder herauszukommen.

Mental Load: Der Teil, den du schon kennst

Der Begriff dafür ist inzwischen vielen vertraut. Mental Load, die unsichtbare Denkarbeit, die dafür sorgt, dass ein Familienalltag überhaupt läuft, obwohl kaum jemand sieht, wie viel Organisation dahintersteckt. Eine aktuelle Studie aus Österreich hat 1.579 Menschen befragt und das Ergebnis ist eindeutig: Nur zwei Drittel der Frauen in einer Partnerschaft empfinden die Aufgabenverteilung als fair, bei den Männern sind es 87 Prozent. Fast die Hälfte der Männer hält die Verteilung sogar für gleichmäßig, eine Wahrnehmung, die mit der Realität der Frauen oft kaum etwas zu tun hat.

Bei den Kindern ist der Unterschied am größten. Unterstützung beim Lernen liegt bei 59 Prozent Frauen gegenüber 27 Prozent Männern, emotionale Bedürfnisse auffangen bei 53 zu 11 und Schultermine wahrnehmen bei 40 zu 7. Ein Fünftel der Frauen fühlt sich stark belastet, fast ein Drittel hat mehrmals pro Woche körperliche Beschwerden, die mit dem Dauerstress zusammenhängen.

Diese Zahlen erklären eine Menge, aber eben nicht alles. Mental Load ist der Teil, den zumindest viele bereits benennen können. Es ist das, worüber man im besten Fall mit der besten Freundin schon geredet hat – und den wir unbedingt im Blick behalten müssen.

Wichtig ist außerdem, die Hintergründe und weitere wichtige Elemente rund um den Mental Load im Blick zu behalten. Denn das wird aktuell leider viel zu wenig benannt und berücksichtigt.

Woher das eigentlich kommt

Weibliche Sozialisation

Mädchen lernen früh, worauf es angeblich ankommt: Verfügbar sein, Verständnis zeigen, für eine angenehme Stimmung im Raum sorgen. Und das auch dann, wenn einem selbst gerade gar nicht danach ist. Mütterlichkeit gilt bis heute als Kriterium für Weiblichkeit, unabhängig davon, ob eine Frau überhaupt Kinder hat oder will. Genau das erklärt, warum viele Frauen ihre Überlastung erst viel zu spät erkennen. Noch dramatischer ist, dass sie sich oft für ihre Erschöpfung eher schämen, als sie ernst zu nehmen.

Emotionsarbeit, ein Begriff mit Geschichte

Die Soziologin Arlie Hochschild hat für dieses Muster schon 1983 einen Begriff geprägt: Emotionsarbeit, damals für Flugbegleiterinnen, die im Job freundlich wirken mussten, egal wie der Tag gelaufen war.

Der Bogen aus dem Flugzeug zur Frau am Küchentisch, die trotz Erschöpfung fröhlich klingt, wenn das Kind fragt, ob heute ein guter Tag war, zeigt, dass dieses Muster nicht neu ist. Nur der Ort hat sich in die Haushalte verschoben.

People Pleasing als Alltagsmuster

Viele Frauen, die früh derart geprägt wurden, haben daraus einen Reflex entwickelt, der heute People Pleasing heißt: Die anderen kommen zuerst und jede Entscheidung wird danach beurteilt, ob sie jemandem missfallen könnte. Oftmals werden auch Konflikte vermieden, weil Harmonie höher bewertet wird als die eigene Meinung. In der Paarberatung oder auch im Einzelcoaching ist das oft der Moment, an dem eine Klientin zum ersten Mal merkt, wie tief das sitzt. Sie erschreckt sich, wie häufig sie dieses Muster im Leben wiederholt, und das fast immer vollkommen unbewusst.

Die unsichtbaren Aufgaben ohne bekannten Namen

Kinkeeping: Frauen halten die Familie zusammen

Es gibt einen älteren Begriff aus der Soziologie: Kinkeeping. Damit ist die Aufgabe gemeint, Beziehungen innerhalb der Familie am Laufen zu halten: Geburtstage im Kopf behalten, Treffen organisieren oder dafür sorgen, dass Oma und Enkelin in Kontakt bleiben – es geht sogar über die eigenen Beziehungen hinaus. Eine niederländische Studie mit fast 3000 Familien kam zu einem klaren Ergebnis: In traditionellen Familien übernehmen 98 Prozent der Mütter diese Rolle, bei den Vätern sind es 58 Prozent. Auch interessant: Die Aufgabe wird meist weitergereicht, von Mutter zu Tochter, oft ohne dass je jemand gefragt hat, ob sie sie überhaupt will.

Mankeeping: Frauen halten die Paarbeziehung zusammen

2024 haben zwei Forschende an der Stanford University dem Ganzen einen Namen für das Verhalten von Frauen in der (heterosexuellen) Paarbeziehung gegeben: Mankeeping. Gemeint ist die unbezahlte, meist unerwiderte Arbeit, die Frauen leisten, um die emotionalen und sozialen Bedürfnisse der Männer in ihrem Leben aufzufangen. Sie erinnert den Partner an den Arzttermin, merkt zuerst, dass es ihm nicht gut geht und hält den Kontakt zu seinen eigenen Freunden aufrecht, weil er es allein irgendwann verlernt hat.

In vielen Beziehungen wird die Partnerin dann zur einzigen Person, bei der der Partner sich öffnet, wenn er sich überhaupt öffnen kann. Oft entwickelt sich sogar eine Situation, in der die Partnerin zur einzigen Verbindung nach draußen wird, da sie sowohl die Ersatzfreundin für den eigenen Mann wird, sowie auch die noch vorhandenen Verbindungen zu Bekannten und Familie aufrecht erhält. Kaum jemand kennt das unter diesem Namen, obwohl fast jede Frau in einer heterosexuellen Beziehung genau weiß, wovon hier die Rede ist.

Das große Problem – und warum es uns alle Betrifft

Genau hier liegt der Unterschied zu Mental Load: Bei Mental Load geht es grob um Aufgaben, Termine und Organisation, also um Dinge, die sich zumindest theoretisch benennen und aufteilen lassen. Obwohl auch hier wichtig ist zu benennen, wie wenig sichtbar viele dieser Verantwortlichkeiten sind.

Bei Mankeeping geht es um etwas, das sich noch viel schwerer abgeben lässt – weil es gar nicht wie Arbeit aussieht. Spannend ist oft auch, dass es sich für viele Frauen nicht direkt nach Arbeit anfühlt – zumindest solange sie nicht völlig erschöpft sind. Es wirkt daher oft so, als ob die Frauen diese Aufgaben ganz ohne Aufwand, oft sogar gerne, tun. Ein gutes Beispiel sind Freundeskreise: Jemand schreibt in die Gruppe, schlägt einen Termin vor und hält die Verbindung, wenn sich das Leben aller in unterschiedliche Richtungen entwickelt – meistens ist es eine Frau.

Die Frage, die sich hier gestellt werden muss: Wie sollte man etwas abgeben, dass sich fast wie ein Charakterzug anfühlt, z.B. auch, dass man die einzige Person ist, bei der jemand sich fallen lässt.

Mental Load nach der Geburt

Die Soziologin Allison Daminger hat Paare untersucht, die sich selbst für gleichberechtigt halten, und ihr Befund ist ernüchternd: Mit dem ersten Kind rutschen die meisten in traditionelle Rollen zurück, unabhängig davon, wie fortschrittlich sie vorher gelebt haben. Und weil beide sich weiterhin als gleichberechtigt verstehen, passt die Realität nicht ins Selbstbild und wird deshalb selten ausgesprochen.

Gleichzeitig verändert sich die Frau selbst buchstäblich: Eine Studie aus Amsterdam konnte 2026 zeigen, dass sich das Gehirn bei jeder Schwangerschaft strukturell umbaut, teils noch zwei Jahre danach nachweisbar. Identität und Rollenverteilung kippen also gleichzeitig, genau in der Phase, in der Frauen eigentlich besonders viel Halt bräuchten. Kein Wunder also, dass viele genau zu diesem Zeitpunkt absolut überfordert sind und der Belastung aus so vielen Verantwortungsbereichen gleichzeitig nicht mehr standhalten können

Was tatsächlich hilft: Frauenfreundschaften

Es gibt zum Glück auch eine positive Seite: Unter Stress suchen Frauen häufiger soziale Nähe statt Rückzug, ein Muster, das die Psychologin Shelley Taylor „tend and befriend“ genannt hat. Wie wirksam soziale Nähe für Frauen tatsächlich ist, zeigt eine Langzeitstudie aus Harvard: Frauen mit einem starken sozialen Netzwerk in der Lebensmitte altern nachweislich gesünder. Frauenfreundschaften gelten in der Forschung als besonders intensiv in Bindung und emotionaler Unterstützung, oft mehr als Männerfreundschaften. Die Freundin, die um elf noch rangeht, wenn man es einfach mal loswerden muss, ist kein Nice-to-have, sondern einer der wenigen Orte, an dem man selbst mal aufgefangen wird, statt aufzufangen.

Was jetzt zählt

Das meiste davon ist für dich vermutlich nicht neu. Du kennst das Gefühl genau und hast schon geahnt, dass da mehr ist als nur eine volle To-do-Liste. Nun kannst du Aspekte besser benennen und hattest bestimmt auch neue Erkenntnisse. Was den meisten Frauen fehlt, ist jedoch, dass diese Erkenntnisse ernst genommen werden.

Und genau da schlägt das Muster noch einmal zu, diesmal auf einer anderen Ebene. Man liest diesen Artikel, nickt, denkt sich, stimmt, das bin ich, und schiebt es dann auf die lange Bank – weil gerade wieder etwas anderes dringender scheint, weil das eigene Anliegen, wie so oft, hinten ansteht. Genau dieses Verschieben ist Teil des beschriebenen Verhaltens in diesem Text.

Deshalb, ganz wichtig: Nimm es ernst, nicht irgendwann, sondern jetzt, während du das hier liest. Du musst nicht wissen, wie die Lösung am Ende aussieht, um trotzdem den ersten Schritt zu machen. Das kann eine bewusste Pause sein, die du ab heute jeden Tag machst, ein Satz an den Partner sein, der dir schon länger auf der Zunge liegt – oder ein Anruf bei der Freundin, die du seit Wochen vertröstest, weil dir die Telefonate eigentlich so gut tun.

Wenn du spürst, dass du genau da mit meiner Unterstützung ansetzen möchtest, melde dich gerne für den Frauenabend am 30.8.2026 ein. Wir werden uns genau mit diesen Themen beschäftigen und vor allem wird es darum gehen, dir endlich einen Raum nur für dich zu geben. Denn Verantwortung und Arbeit hast du genug. Nun geht es darum, dich zu entlasten. Ich freue mich sehr auf dich!

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